Laudatio: Abiturpreis zur Pflege der Deutschen Sprache

Laudatio: Abiturpreis zur Pflege der Deutschen Sprache

Bereits seit einigen Jahren verleihen wir jedes Jahr im Rahmen unserer Feier zur Verabschiedung des Abiturjahrgangs einen ganz besonderen Preis, den es nur bei uns am Ratsgymnasium gibt: den „Preis zur Pflege der Deutschen Sprache". Diesen Preis hat ein ehemaliger Abiturient des Ratsgymnasiums gestiftet, Herr Dr. Erhard Glogowski (Abitur 1960). Herr Dr. Glogowski findet, dass viele Jugendliche nicht souveränen mit der deutschen Sprache umgehen. Um ein Zeichen für die Pflege der deutschen Sprache zu setzen hat er einen Preis gespendet, den jedes Jahr eine Abiturientin bzw. ein Abiturient erhält, die bzw. der sich im Fach Deutsch und im Umgang mit der deutschen Sprache besonders hervorgetan hat.

In diesem Jahr hat Jana Malin Karkoska diesen Preis erhalten. Sie hat nicht nur eine hervorragende Abiturklausur im Fach Deutsch geschrieben, sondern auch im gesamten Verlauf der Oberstufe im Fach Deutsch geglänzt und nicht zuletzt beim Abi-Theater auf unserer Aulabühne als Sir Christoph von Bleichenwang das Publikum begeistert. Der Preis besteht aus einer Urkunde, einem Preisgeld in Höhe von 200 € und einer Laudatio, die Herr Dr. Glogowski in jedem Jahr verfasst. Der diesjährige Laudatio-Text sei allen zur Lektüre empfohlen:

„Liebe Frau Karkoska, schon wieder Deutsch. Ja, das muß sein. Die deutsche Sprache ist alt und gebrechlich geworden. Andere Sprachen sind freilich noch betagter und dennoch putzmunter, weil die Bevölkerung und Schulen sie wertschätzen. Es wäre der Sprache gedient, wenn sie in Ihnen eine tatkräftige Pflegekraft und Hüterin finden würde. Es ist nicht zu übersehen, daß Deutschkenntnisse bei Schülern und Studenten rapide nachlassen. Das lesbare Schreiben mit der Hand gilt vielfach als besonders überholt, weil es anstrengt. Das Eintippen von Kurznachrichten, Emojis und Kürzeln ist dagegen einfach und bedarf keiner besonderen Fertigkeiten. Es ist Standard geworden und nicht aufzuhalten. Sollte vor dieser Welle der Schreibvernachlässigung die weiße Fahne der Kapitulation gehißt werden? Nicht voreilig. Schreiben hat Tradition und Vorzüge. Mit der Hand zu schreiben ist eine Kulturtechnik. Kalligraphie, das heißt Schönschreiben, ist eine Kunst. Am Ratsgymnasium gab es in den fünfziger Jahren bis zum Abschluß der Mittelstufe in den Zeugnissen eine Benotung der Handschrift.

Karl Marx wurde vor 200 Jahren geboren. Er hatte zum Mißfallen seines Vater eine Sauklaue, die im Laufe seines Lebens geradezu unentzifferbar wurde. Der Vater tadelte die mit "Not lesbare " Handschrift. Eine Bewerbung von Karl Marx als Schreiber bei einer englischen Eisenbahngesellschaft in Zeiten höchster materieller Not scheiterte, wofür Marx sogar Verständnis zeigte.

Die Schreibschrift hat sich in den Schreibstuben mittelalterlicher Klöster gebildet und fortentwickelt. Genauigkeit und liebevolle Hinwendung zu den Büchern waren für die Mönche selbstverständlich. Es war eine Ehre, in den Schreibstuben tätig zu sein. Ein wenig Ehre wird heutzutage noch den Stadt-schreibern zuteil, wenn Kommunen Literaten als Stadtschreiber auf Zeit berufen, sie behausen und ein Preisgeld vergeben. Gottfried Keller war Erster Stadtschreiber des Kantons Zürich, damals ein hohes politisches Amt. Mit der Hand sorgfältig und lesbar zu schreiben festigt die Feinmotorik, aktiviert das Gehirn und stärkt das Gedächtnis. Die Neurone kommen auf Trab und werden leistungsfähiger. Und schließlich ist ein Handschreiben persönlich und Ausdruck der Wertschätzung. Das gilt für Kondolenz- und Liebesbriefe ebenso wie für Belobigungen und Gratulationen. Private Testamente verlangen die handschriftliche Willensbekundung, Arbeitgeber bisweilen Anschreiben. Papier, Bleistift, Kugelschreiber und Füllfederhalter stehen als willige Diener jederzeit bereit. Sie warten nur darauf in die Hand genommen zu werden. Zögern Sie nicht! Sie zeigen damit Stil und erwecken Aufmerksamkeit."

Dr. Erhard Glogowski, Stifter des „Preises zur Pflege der Deutschen Sprache", Juni 2018

einleitender Text: Wolfram Bartsch