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Das Erste, was beim Eintritt ins Schulhaus auffällt, ist der feine Kaffeegeruch und der Duft frisch gebackener Waffeln. Schule riecht sonst anders. Bar, Basar und Buffets erwarten in Pausenhalle und Cafeteria den eintretenden Gast. Viele Jugendliche, viele Kinder, Eltern sind da. Lehrer haben ihre Säuglinge mitgebracht. Jüngere Geschwister werden durchs Schulhaus geführt.

Der Abend wird eröffnet. In der Pausenhalle spricht der Schulleiter Herr Dr. Eckhoff mit einem Mikrophon in der Hand. Neben ihm stehen verschiedene Gäste, darunter die Spitzen der Peiner Politik und Kultur. Herr Dr. Eckhoff begrüßt die Anwesenden, benennt alle diejenigen, die die Veranstaltung tatkräftig unterstützen, und bedankt sich bei Ihnen herzlich. Dann der Verweis auf Paris. Ein solcher Abend kann in diesen Tagen nicht stattfinden, ohne dass man auf die Katastrophe in der letzten Woche zu sprechen kommt. Nicht wenn man einen Vorleseabend eröffnet. Nicht wenn es um die Werte geht, auf denen diese Gesellschaft fußt und sich gründet. Ein Quartett spielt die Marseillaise.

Dann ab in die Vorleserunden. Wenn man aus jeder Runde einen Lesevortrag auswählt und alle sechs Runden mitmacht, hat man eine ungeheuerlich große Zahl von Kombinationsmöglichkeiten: 117 649. Eine geballte Vorleseleistung steht dahinter. Nur eine Fotografie dieser Homepage hat noch mehr Pixel. Aber auch auf der Seite des Publikums liegt eine bemerkenswerte Aufmerksamkeit vor. Hier wird multipliziert.

Alt und Jung sitzen gebannt im Halbdunkel, während auf dem Pult eine Schreibtischleuchte brennt und Herr Tarrey eine Geschichte Stefan Heyms, des geachteten und zugleich kontrovers diskutierten Dichters, vorliest. Darin geht es um den Stasi-Mitarbeiter Bobrich, der erfahren muss, dass seine eigene Frau von den Kollegen über Jahre hin observiert worden ist, als plötzlich die Wende über die DDR, auch über sein Büro, hereinbricht und keine Akte mehr auf der anderen bleibt. Ein Pausengong ertönt. Die Stimme hat längst Fahrt aufgenommen, an Lautstärke und an Sprechgeschwindigkeit gewonnen und wird noch nicht sogleich enden.

Pernilla Kreutzer, eine Schülerin der 10. Klasse, sitzt wenige Minuten später ein paar Klassenzimmer weiter hinter einem anderen Pult, vor einem anderen Publikum. Zwei kleine Mädchen huschen mit Waffeln auf Servietten auf zwei Plätze, die noch frei sind. „Die unendliche Saga von den alltäglichen Dingen“ ist eine Parodie auf das Fantasy-Genre und operiert mit Versatzstücken, die einen ekstatischen Bewusstseinsstrom erlebbar machen und manchen Zuhörenden für einen Moment mitreißen. Der Vortrag steigert sich ins Wahnhafte. So kennt man Pernilla nicht aus dem Unterricht. Jemand lacht.

Dann ein Ensemble aus vier Sprecherinnen, die allesamt das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf erzählen werden. In der Bibliothek herrscht größtmöglicher Andrang. Eng sitzt man zwischen Bücherregalen und Keksangeboten. Frau Spura und Frau Franzky holen letzte Stühle von weit her herbei. Raha beginnt auf Persisch. Viele Vokale sind in hohem Tempo zu hören. Ein ehemaliger Referendar hat sein Baby mitgebracht und wippt es auf seinem Knie. Merisa liest auf Montenegrinisch vor. Ein völlig anderer Sprachfluss wird vernehmbar. Mary liest spanisch, schließlich Frau Schnurre auf Deutsch. Ein konsekutives Konzert indoeuropäischer Sprachen. Vor lauter vieler bunter Blumen am Wegesrand hätte Rotkäppchen beinahe vergessen, dass es ja noch zur Großmutter wollte. Ein mobiles Korridor-Gong-Kommando weist auf eine neue Runde hin. Aus einem Buch, das eine Verbindung zwischen Magie und Abenteuer herzustellen versteht, trägt ein Sechstklässler vor. Am Ende seines Lesevortrags wird der Schüler sagen: „Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen.“ Hier kündigt sich eine Höflichkeit an, die man nicht mehr missen möchte.

Der Schulleiter lockert seine Krawatte und schenkt sich Mineralwasser ein. Er warnt davor, dass es bei dem folgenden Bühnentext von Botho Strauß nicht so sehr um den Inhalt als vielmehr um die hierarchischen Strukturen gehe, die sich über Sprache aufbauen. „Geeignet für Erwachsene“, sagt das Ankündigungsblatt. Das Deckenlicht wird gelöscht. Über den Worten des Vortrags baut sich bald ein Wechselspiel von Mimik und Gestik auf, der Ausdruck schwankt zwischen Leise und Laut sowie Oben und Unten, in Abhängigkeit von Sprechsituation und der jeweiligen Rolle - dramatisch eben. Für den Zuhörer entstehen wie nebenbei Bilder in einem unvergesslichen Chiaroscuro.

Inzwischen ist es spät geworden. Kollegen nehmen ihre Kinder nach Hause, letzte Bestellungen gehen an den Ständen ein, Schüler werden zu einem Getränk eingeladen. Die Wahl einiger weniger fällt auf einen Lesevortrag des französischen Fremdsprachenassistenten Julien Meunier, der seit Anfang des Jahres am Ratsgymnasium arbeitet. Er stellt einen kleinen, feinen Text in ebensolcher Runde vor. Auf Französisch. Man kommt ins Gespräch. Auf Deutsch.

Der Vorleseabend geht zu Ende. Schülerinnen und Schüler bauen mit Angehörigen und Lehrenden ab, man sieht Kisten und Körbe, Tische werden durchs Haus getragen: ein nächtlicher Bienenstock. Bleiben werden Erinnerungen, auch Leseempfehlungen - und Fotografien. Wird man später noch den Fotografien ansehen, welche Textsorte gerade zu Gehör gebracht wurde, als der Fotograf den Auslöser vor dem Lesepult gedrückt hat? Wird formatiertes Licht wiedergeben können, was und wie die Vorlesenden ihre Texte vortrugen? - Ein unwiederholbarer Abend.

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